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06.11.2014, 20:58 Uhr | SABINE RAKITIN (MOZ)
Kein gutes Haar an der Ost-CDU
Bernau (MOZ) Welche Rolle hat die CDU in der DDR und während der friedlichen Revolution 1989 gespielt? Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer Diskussion mit einem Historiker und Zeitzeugen, zu der die Konrad-Adenauer-Stiftung am Dienstag nach Bernau eingeladen hatte.
Das Interesse der Barnimer Christdemokraten, die Rolle, die ihre Partei in der DDR und in der Wendezeit gespielt hat, näher zu beleuchten, scheint nicht besonders groß zu sein. Lediglich etwa 20 Interessierte sind der Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung zu der Gesprächsrunde im Paulus-Praetorius-Gymnasium gefolgt, darunter eine Reihe von Christdemokraten aus dem Nachbarkreis Märkisch-Oderland. Aus dem CDU-Stadtverband Bernau, der für die Veranstaltung fleißig die Werbetrommel gerührt hatte, sind es gerade eine Hand voll.

Im Podium sitzen drei Zeitzeugen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Else Ackermann (80), seit 1985 Mitglied der CDU, hatte bereits zu DDR-Zeiten für Aufsehen gesorgt, als sie und ihr Ortsverband Neuenhagen in einem langen Brief an den damaligen Vorsitzenden der Ost-CDU, Gerald Götting, schonungslos den Verfall der DDR beschrieb und für die CDU ein selbstbewussteres Gesicht forderte. Daraufhin wurde sie von der Stasi überwacht und beruflich gemaßregelt. Die anerkannte Medizinerin verlor ihr Amt als stellvertretende Bereichsleiterin beim Zentralen Institut für Krebsforschung der Akademie der Wissenschaften in Berlin-Buch und durfte ihre wissenschaftliche Arbeit nicht mehr fortsetzen.
Der Zepernicker Uwe Bartsch (60), in einem christlichen Elterhaus in Berlin aufgewachsen, lehnte zu DDR-Zeiten Parteien generell ab. Er wurde erst nach der Wende 1990 Mitglied der CDU, war mehrere Jahre Landtagsabgeordneter und Kreisparteivorsitzender und steht jetzt als Bürgerbeauftragter im Dienst der CDU-Landtagsfraktion. Christoph Wunnicke (43) wiederum, gebürtiger Prenzlauer, ist zwar kein Mitglied der CDU, sondern von Bündnis 90/Die Grünen, kennt die Ost-CDU aber in- und auswendig. Als Historiker hat er sich ausgiebig mit deren Geschichte befasst.

Wunnicke ist es denn auch, der mit seinen Thesen über die CDU polarisiert und provoziert. "Ich glaube nicht, dass die CDU jemals frei war, trotz ihrer beachtenswerten Gründer wie Jakob Kaiser", sagt er. Bereits Anfang der 1950er Jahre sei die Ost-Partei mit der SED "völlig gleichgeschaltet" gewesen. "Ab 1952 ist es wirklich schwierig, etwas Nettes über sie zu sagen". Sie habe nur noch den Zweck gehabt, sich im Auftrag der SED um Kirche und Christen zu kümmern, diese "auf Linie zu bringen", erklärt der Historiker. "Die CDU wurde zur Spitzelpartei - gegen Kirchenleute". Und diese Linie habe sie bis in die Wendezeit verfolgt. Christoph Wunnicke belegt seine Thesen unter anderem damit, dass es zwischen den CDU-Vorständen und den Abteilungen Inneres bei den Räten der Kreise eine "ständige Verbindung gegeben habe". Zu Kirchentagen seien reihenweise CDU-Spitzel geschickt worden. 1987 habe es in den Gemeindekirchenräten 1400 CDU-Mitglieder gegeben.

Zum Kirchentag in Berlin seien 541 davon eigens für Zuträgerdienste geschult worden. "Beim Kirchentag in Berlin gab es damals genau so viele Spitzel wie im selben Jahr beim CDU-Parteitag in Dresden Delegierte", behauptet Wunnicke.
"Spitzelpartei?", zuckt der Zepernicker Uwe Bartsch zusammen. "Das ist mir zu pauschal", sagt er. Stasi-Spitzel hätte es doch in allen Gesellschaftsschichten gegeben, nicht nur in der CDU, wendet er ein. Zuhörer Günther Jesse aus Hirschfelde bemerkt: "Die Parteien in der DDR haben doch alle gemacht, was Mielke und Honecker wollten". Auch Else Ackermann sagt: "Was Sie hier alles ansprechen, ist mir völlig fremd. Man war in der CDU ein bisschen geschützt. Ich fiel zwar völlig aus dem Rahmen, aber sie ließen mich in Ruhe", erinnert sie sich.
Unter den Zuhörern sitzt der Fredersdorfer Bernd Knoch, der 1980 Mitglied der CDU wurde und am 1. Januar 1987 hauptamtlich den Kreisvorsitz übernahm. Er ist wegen Else Ackermann gekommen, mit der er in der Ost-CDU viele Kämpfe gegen Bezirks- und Landesparteiführung gemeinsam ausgefochten hat. "Es gab auch andere in der CDU. Else Ackermann zum Beispiel ist die mutigste Frau im ganzen Kreis Strausberg", sagt er.
Was Else Ackermann anbelangt, so s

timmt ihm Christoph Wunnicke vorbehaltlos zu. "Der erste Ortsverband, der sich wehrte, war der Neuenhagener", weiß er. Und: "Leute, die in die CDU gingen, weil sie eine Nische suchten, über die würde ich hier nie urteilen", sagt der Sohn eines Pfarrers aus der Uckermark. Ansonsten bleibt er dabei: "Die Ost-CDU war der verlängerte Arm der SED gegenüber der Kirche". Und selbst nach dem Mauerfall, als Vorsitzender Götting vertrieben und Lothar de Maiziere dessen Nachfolge antrat, habe der sechsköpfige Parteivorstand aus weitestgehend "linientreuen" Christdemokraten bestanden: "Drei waren nachweislich informelle Mitarbeiter der Stasi und zwei, darunter de Maiziere, zumindest kritische Fälle", stellt Historiker Wunnicke fest. Er setzt noch eins drauf: "Das war der neue CDU-Vorstand - eine reine Spitzeltruppe". Wieder sagt Uwe Bartsch: "Mir ist das alles zu pauschal".
"Diese gewandelte oder nicht gewandelte Ost-CDU reichte der West-CDU aber, ganz pragmatisch die deutsche Einheit umzusetzen", stellt Martin Jehle, der diese Diskussionsrunde initiiert hat, fest. Moderator Stephan Georg Raabe von der Konrad-Adenauer-Stiftung, Historiker wie Wunnicke, antwortet: "Man musste dieses Schiff schnell klar und seetauglich machen. Da war eine große Portion Pragmatismus und eine große Portion Unwissenheit dabei." Christoph Wunnicke ergänzt: "Und de Maiziere hat dieses Schiff auf Kurs gehalten. Da hat er sich große Verdienste um Deutschland erworben."

Else Ackermann war übrigens nach dem Wahlsieg der "Allianz für Deutschland" Mitglied der ersten frei gewählten DDR-Volkskammer und wurde von dieser am 28. September 1990 in den Deutschen Bundestag gewählt, Bei Ablauf der Wahlperiode Ende 1990 schied sie zunächst aus dem Parlament aus und zog am 22. Oktober 1991 wieder ein - als Nachrückerin für Lothar de Maizière, der sein Mandat niedergelegt hatte.