Presse
16.02.2016, 15:22 Uhr | MOZ / Irina Voigt
Dem Vergessen entrissen
In anderen Gemeinden gibt es sie schon lange, Stolpersteine, die an jüdische Mitbürger erinnern, die den Nazis zum Opfer fielen. Seit Donnerstag liegen eingebettet ins Gehwegpflaster die ersten sieben Erinnerungstafeln.
© MOZ /Gerd Markert

Auch in Neuenhagen lebten zahlreiche jüdische Familien. An sie dachte lange keiner mehr. Es gab keine Informationen über Schicksale und keine Kenntnisse über Überlebende des Naziregimes. Initiatorin Else Ackermann, Ortschronist Erich Siek und Werner Niebsch machten sich auf die Suche nach den einstigen Neuenhagenern. Unterstützt wurden sie von Verwaltungsseite von Fachbereichsleiter Gunter Kirst und Pressesprecherin Jutta Skotnicki. Mit Energie und Finanzierungsideen in die Aktion eingebracht haben sich die Hönower Gabriele und Raymund Stolz. Aus ihrer Veranstaltungsreihe Einfach lesen sammelten sie Hunderte Euro.

Am Donnerstag nun konnten erste Stolpersteine verlegt werden. Nachfahren, wie Marianne Strumpf, eine Tochter von Johanna Smilowski, und Eugen Solf, ein Enkel von Johanna Solf, kamen dazu extra nach Neuenhagen. Sie waren vor dem Rathaus dabei, als für ihre Verwandten Stolpersteine ins Pflaster gelegt wurden.

Familie Smilowski lebte bis 1942 in Neuenhagen in der Grünen Aue. Herbert und Erna Smilowski - beide jüdischer Abstammung - wurden 1942 nach Riga deportiert und dort am 18. August desselben Jahres ermordet. Ein ähnliches Schicksal erlitten die Söhne Julius Julin und Egon Smilowski, die ebenfalls deportiert und in Auschwitz bzw. Piaski ermordet wurden. Lediglich der Sohn Ernst und die Tochter Johanna überlebten den Holocaust. Da es am ehemaligen Wohnsitz der Familie in der Grünen Aue keinen Bürgersteig gibt, wurden sie im Theatron vor dem Rathausneubau vom Künstler Gunter Demnig selbst verlegt. Er berichtete von inzwischen über 56 000 Stolpersteinen, die er in 20 Ländern auf der ganzen Welt verlegt habe. "Der Anlass ist kein Grund zur Freude", sagte er, aber er freue sich über jeden Stein, den die Bürgerschaft ihrer Kommune schenke.

Ein weiterer Stolperstein liegt im Gehwegpflaster vor dem Grundstück, auf dem heute das Haus der Senioren und das Haus der Begegnungen und des Lernens zu Hause sind. Dieser ist für Johanna Solf gedacht, die hier ihre Kindheit verbrachte und später mit ihrem "Solf-Kreis" aktiven Widerstand gegen das Nazi-Regime leistete.